Das Buch

Bad Vöslau 1938 - 1945

Vorwort

Das Thema „Nationalsozialismus“ bringt bis zum heutigen Tage eine kaum mehr zu überblickende Fülle an Publikationen hervor. Diese Diktatur wird in ihre einzelnen Aspekte zerlegt und analysiert, sozialgeschichtlich, wirtschaftsgeschichtlich, mentalitatsgeschichtlich, Widerstand, Verfolgung, Täter, Opfer, Holocaust usw. Sie wird nach Raum und Zeit gegliedert, vor dem Krieg“ und „nach dem Krieg“, Nationalsozialismus vor 1933 und nach 1933, Nationalsozialismus in Deutschland, Nationalsozialismus in Österreich usw. Weshalb dann diese Publikation über Bad Vöslau? Richten wir den Blick auf Österreich, so ist die Ereignisgeschichte weitgehend aufgearbeitet. Der Nationalsozialismus vor dem „Anschluss“ und danach, die Ostmark – was passiert ist, wer die führenden Akteurinnen und Akteure waren usw., all das ist kein Geheimnis mehr. Blickt man auf die Landes- bzw. Gauebene, so zeigen sich einige unbehandelte Aspekte. Eine administrative Ebene darunter, Bezirks-, Kreis-, Stadt- als auch Gemeindeebene, befindet sich ein mehr oder weniger (Ausnahmen sind nicht die Regel) brachliegendes Forschungsfeld. Dabei lohnt sich der Blick auf die unterste Verwaltungsebene, auf die Zellen des Staates, wie es der Nationalsozialismus formulierte.

Lokale Eigenheiten treten hervor, ein Gemeinde- bzw. Stadtpatriotismus kommt immer wieder durch und das vor allem in Niederösterreich, wo das Landesbewusstsein weniger ausgeprägt war als in Tirol, Kärnten oder der Steiermark. Das schwache Landesbewusstsein ermöglichte eine verstärkte Dominanz von lokalen Politgrößen, Bürgermeistern, einzelnen Gemeinderäten, Führungspersönlichkeiten im Bauernbund oder in Gewerkschaften. Diese Personen waren die maßgeblichen Kräfte vor Ort, um Weisungen bzw. Befehle aus Wien, später dann aus Berlin, in die Tat umzusetzen.

Neben diesen personalen Spezifika bietet Bad Vöslau eine interessante Mischung aus Kur- und Industriestadt, Weingegend und durch den Flugplatz war die Gemeinde von militärstrategischer Bedeutung, die nicht unterschätzt werden sollte. Von besonderer Bedeutung ist auch die damals intakte jüdische Gemeinde in Bad Vöslau mit all ihren Institutionen, der Synagoge beispielsweise. Das Leid dieser Menschen wird einen besonderen Platz einnehmen. Wir werden konfrontiert mit Schikane, Vertreibung, Terror und letztendlich mit dem Mord an jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen der Kurstadt. Bad Vöslau lag zwischen dem industriell erschlossenen Triestingtal und der noch immer mit snobistischem Kurortflair aus der Monarchie behafteten Bezirkshauptstadt Baden. Solch eine Mischung bietet durchaus ein gutes Fundament für etwaige Sonderentwicklungen.

Doch in dieser Publikation sollen nicht nur Begrifflichkeiten wie Kur, Industrie, Militär usw. abgearbeitet werden, sondern vor allem die Geschichte des Nationalsozialismus in Bad  Vöslau. Es geht hier nicht um Hitler, Göring oder Goebbels, es geht hier nicht um Minister, Generale oder Reichs- sowie Gauleiter, es geht um die Bürgermeister, die Gemeinderäte (Gemeindepolitiker), Schuldirektoren, Gemeindebeamte, Sicherheitskräfte, um den Nachbarn, es geht um Menschen, die terrorisiert wurden und denen nichts anderes übrig blieb, als ihre Heimatstadt zu verlassen. Die Geschichte handelt von Personen, mit denen die Großeltern- oder Elterngeneration die Leserin und der Leser Kontakt hatte – sei es auf der Straße, beim Greißler, im Thermalschwimmbad, in der Kirche, im privaten Bereich, oder man kannte die betreffenden Personen auch nur vom Hörensagen oder von einem Wahlplakat.

Andererseits kann es sich durchaus auch um die eigenen Eltern oder Großeltern handeln, die in der Publikation erscheinen werden. Dass diese Tatsache Unbehagen auslösen kann, ist den Autoren bewusst. Niemand soll an den Pranger gestellt werden, gleichzeitig soll nicht der Eindruck entstehen, dass es in Bad Vöslau während des Nationalsozialismus keine Nationalsozialisten gab. Der Datenschutz wird nach den geltenden Gesetzen eingehalten. In einigen Fallen werden wir sogar noch strenger vorgehen. Es gibt Fälle, wo eine Namensnennung durchaus erlaubt wäre und der Name auch öffentlich und jederzeit von jedem eruiert werden konnte, wo wir jedoch der Meinung sind, dass Namen nicht genannt werden müssen. Solche Fälle werden im Text genauer erläutert. Anders sieht es bei Personen des öffentlichen Interesses aus, wie Politikern, Künstlern, Journalisten, Wissenschaftlern usw. - sprich Personen, die damals in der Öffentlichkeit standen. In diesem Zusammenhang soll auf die österreichische Nationalbibliothek verwiesen werden, wo sämtliche Lokalzeitungen (in unserem Fall die Badener Zeitung) öffentlich im Internet zugänglich sind. Mittels der Suchfunktion ist es überaus einfach, Namen, Ereignisse usw. herauszufinden. In den meisten Fällen werden in den Zeitungen Namen und Adressen genannt, ob es sich um Diebstahl, Raub, Mord, Suizid, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch handelt und ob es tatsächlich Täter oder nur Verdächtige waren, spielte damals kaum eine Rolle. Um die Geschichte Bad Vöslau in dieser Zeit zu ergänzen, werden auch drei  Teilbereiche, die direkt mit dem Krieg zu tun haben, beleuchtet. Auch wenn nicht im Zentrum unserer Publikation, waren der Flugplatz, die Bombenangriffe und das Kampfgeschehen gegen Ende des Krieges von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Herausgegeben von der Stadtgemeinde Bad Vöslau (2018)


Erhältlich in der Tourist Info Bad Vöslau (Schlossplatz 1, 2540 Bad Vöslau) 

20 € (Spende)


 

Die Autoren

Mag. phil. Gregor Brezina

Jahrgang 1985

Diplomstudium Geschichte an der Universität Wien
Kulturvermittler im Museum „Kaiserhaus Baden“

Wissenschaftliche Publikationen:

  • Erstellung von Exposé und Treatment für die Sendung The Cold War Chronicles – Burning Battlegrounds
  • Archiv-Recherche für die Sendereihe Unser Österreich für Universum-History, ORF
    -) Unser Land Tirol
    -) Unser Land Kärnten
    -) Unser Land Salzburg
    -) Unser Land Niederösterreich
  • Mitarbeit am dreiteiligen Lehrbehelf „Militärgeschichte“ für die TherMilAk (2014), Verfassen und Mitverfassen der Bände:
    -) Polemologie: Philosophie des Krieges und des Friedens – Vom Achtzigjährigen Krieg bis zum Ende der Napoleonischen Kriege (Bd. 1)
    -) Polemologie: Ausgewählte militärische Konflikte – Vom Wiener Kongress bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges (Bd. 2)
    -) Strukturen nationaler politischer Systeme – Polemologie: ausgewählte militärgeschichtliche Konflikte – Das Zeitalter der Weltkriege 1914-1945 (Bd. 3)
  • Das Armeeoberkommando in Baden 1917-1918, Grundlagenforschung im Auftrag des Stadtarchivs Baden
  • Assistenz-Recherche für die Sendereihe Österreich II, 3. Staffel, für ORF III
  • Mitarbeit an der Sendung Gedanken zum Februar 34 für ORF III
  • Mitarbeit an der Neubearbeitung der Dokumentation Viktor Adler – Vater der Sozialdemokratie für ORF III
  • Bad Vöslau 1938 – 1945, Die Militärhistorische Perspektive, 2017 Bad Vöslau

 

Mag. phil. Dominik Zgierski 

Jahrgang 1983

Studienabschluss Geschichte März 2013
Seit November 2007 Mitarbeiter im Rollettmuseum und Stadtarchiv Baden
Seit 2014 Museumsführer im Kaiserhaus und Beethovenhaus Baden
Seit 2014/15 Historische Vorträge in den Kurhäusern „Engelsbad“ und „Malcherhof“ in Baden

Wissenschaftliche Publikationen:

  • Jesus, Marx und Nibelungen. Die politische Lagermentalität der Ersten Republik in Baden bei Wien, Baden, 2013.
  • Das Kruckenkreuz über der Kurstadt. Gemeindepolitik in Baden während der österreichischen Diktatur 1933 – 1938, Baden, 2015.
  • Bad Vöslau, 1938 -1945, Die Zivilhistorische Perspektive,  2017 Stadtgemeinde Bad Vöslau