Annenhof

Dr. Sigmund Stransky-Strasse 8

Infos

1867 erbaut, vermutlich durch Baumeister Florian Reiter. 1882 Adaptierungen durch Florian Reiter
Besitzer: Anna Hirschler (1881-1890), Klara, Dorothea & Otto Hirschler (1890-1901), Familie Kestranek (1901-1961)

Anna Hirschler

Im August 1878 reiste „Anna Hirschler, mit drei Kindern und Dienerin, Private“ nach Vöslau und wohnte in der „Schönen Aussicht“. Die Ehefrau (und Nichte) von Samuel Hirschler, Inhaber der „Produktenhandels- und Kommissionsfirma Firma Hirschler & Co“ in Wien, gefiel es im Kurort, zwei Jahre später erwarb sie die Villa in der Backstraße 8, die ab diesem Zeitpunkt „Annenhof“ genannt wurde.

Anna, geboren 1846 in Agram (Zagreb), war eine damals sehr bekannte Schriftstellerin (Künstlername Forstenheim), deren Bücher – vorwiegend Gesellschaftsromane und Theaterstücke der seichteren Richtung – viel gelesen und gespielt wurden.

„Nicht nur als geistvolle Schriftstellerin, sondern vor allem auch als Weib,

leuchtete Anna Forstenheims herzgewinnendes Wesen in der Gesellschaft“, wusste die Schriftstellerin Margarethe Halm zu berichten. Anna starb am 9. Oktober 1889 in Vöslau im Alter von 43 Jahren. „An ihrem Grabe stand der tiefgebeugte Gatte [...] die zwei blühenden Töchter und ihr Sohn Otto.“

Clara Kestranek

Annas Tochter Clara (geb. 1868) war wie ihre Mutter schriftstellerisch tätig. Von ihrer Mutter, die sich sehr um Gleichberechtigung und um die Hebung des Bildungsgrades der Frauen bemühte, wurde Clara in die Schriftsteller- kreise Wiens eingeführt. Die allwöchentlichen literarischen Kreise in ihrem Elternhause inspirierten sie.

1892 heiratete sie den k.k. Hauptmann Paul Kestranek. Nach der Geburt ihrer Kinder Borivoj (1895), Zdenko (1897) und Viktoria (1901) traten immer mehr Anzeichen geistiger Verwirrtheit auf. „Laut der hier vorliegenden Anamnese ist die Kranke psychisch belastet. Ihre Mutter und ihre Tante, sowie eine Kousine waren geisteskrank; ihre Eltern zudem Blutsverwandte. [...] Seit längerer Zeit ist sie ausserordentlich streitsüchtig, erregbar, sieht sich verfolgt, beschimpft ihre Umgebung; macht ihrem Mann Eifersuchtsszenen, halluziniert lebhaft [...] .“ Clara Kestranek lebte bis zu ihrem Lebensende in geschlossenen Anstalten und starb 1925 in Mauer-Öhling (NÖ).

Paul Kestranek

Claras Mann Paul Kestranek, geboren 1856 in Prag, trat 1871 in die Theresianische Militär-Akademie zu Wr. Neustadt ein und wurde 1876 als Leutnant ausgemustert. Seine Karriere beim Militär verlief bilderbuchmäßig; 1918 wurde er schließlich zum General ernannt und war letzter Militär- kommandant von Prag, 1919 trat er in den Ruhestand. Kestranek war Träger vieler in- und ausländischer Auszeichnungen. In seiner Pension beschäftigte er sich an der Universität Wien mit geographischen und historischen Studien.

Privat musste er, neben der Krankheit seiner Frau, einige weitere Schicksals- schläge verkraften. Sein Vater, k.k. Oberlieutnant Peter Kestranek, starb, als er zwei Jahre alt war. Seine Mutter, die Schriftstellerin Margarethe Halm, heiratete ein zweites Mal, ließ sich jedoch wieder scheiden und kam nie über den frühen Tod ihres jüngsten Sohnes Andreas hinweg. Und zu guter Letzt musste Paul Kestranek miterleben, dass sein ältester Sohn Borivoj kurz vor Kriegsende „Anfang November 1918 nach Sprengung einer Brücke angeblich ertrunken, seither verschollen (ist).“ 1926 wurde er für tot erklärt.

Nach Pauls Tod 1929 erbten sein Sohn Zdenko, Lehrer für Stimmbildung (Sprechen und Gesang) am Reinhardt-Seminar und seine Tochter Viktoria – sie heiratet nach Berlin – das Anwesen. 1961 wurde der in Vöslau tätige Apotheker Josef Günther Besitzer der Villa.